Navigation

"Ich möchte Polnisch schreiben lernen!“

Seit letztem Sommer gibt es „Herkunftssprachlichen Unterricht“ in Polnisch an der Wilhelm-von-Oranien-Schule

Victoria Mernberger geht in die sechste Klasse des Dillenburger Gymnasiums. Als Fremdsprache lernt sie Englisch, wie alle anderen auch. Und ab der nächsten Jahrgangsstufe wird eine zweite Fremdsprache dazukommen, entweder Latein oder Französisch oder Spanisch. Aber: Victoria lernt zusätzlich Polnisch. Jeden Mittwochnachmittag besucht sie den „Herkunftssprachlichen Unterricht“, kurz: HSU, der seit Beginn des Schuljahres 2021/22 an der Wilhelm-von-Oranien-Schule auf Polnisch angeboten wird.

Victoria kann schon Polnisch sprechen, denn ihre Mutter stammt aus Lubin in Niederschlesien. Mit ihr spricht die Sechstklässlerin zu Hause meistens Polnisch, aber da ihr Vater Deutscher ist, wachsen sie und ihr jüngerer Bruder Nicolas zweisprachig auf. Victorias Ziel im Herkunftssprachlichen Unterricht: „Ich möchte meine polnische Aussprache verbessern und auch Polnisch schreiben lernen!“ Das wünschen sich auch ihre Eltern, damit die Kinder nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen gut zurechtkommen. Regelmäßig fahren Mernbergers nämlich in die Heimat der Mutter, um deren Familie oder Freunde zu besuchen.

Der HSU Polnisch wird an der Wilhelm-von-Oranien-Schule (WvO) von Studienrat Paul Sajon angeboten. Eigentlich ist er Lehrer für Geschichte, Politik & Wirtschaft sowie Ethik und schon seit 16 Jahren an der WvO, aber nun unterrichtet er neuerdings auch Polnisch. Das kann er, denn er ist Muttersprachler: „Ich habe eine polnische Schule besucht und später an der Schlesischen Universität Katowice die Ausbildung zum Geschichtslehrer absolviert“, erklärt Sajon. „Das Studium musste ich später – wegen der Anerkennung der Ausbildung in Deutschland – nochmal wiederholen. Ich bin sozusagen ein doppelt ausgebildeter Lehrer, im polnischen und im deutschen Schulsystem“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Hohe Motivation, aber verschiedene Vorkenntnisse
Die zur Zeit elf Schülerinnen und Schüler im HSU Polnisch zu unterrichten, ist nicht immer ganz einfach für Paul Sajon. Erstens sind die Vorkenntnisse in der Sprache sehr unterschiedlich; manche Kinder sprechen schon fließend, andere können nur einige Wörter. Zweitens ist die Teilnahme an der Doppelstunde freiwillig und es gibt auch keine versetzungsrelevanten Noten, man erhält nur einen Vermerk über die Teilnahme im Zeugnis. Aber Sajon schätzt die Motivation seiner HSU-Schülerinnen und -Schüler insgesamt optimistisch ein: „Bei vielen – nicht bei allen –  ist das Engagement sehr hoch, da das Besondere ist, überhaupt Polnisch mit einem ‚echten‘ Lehrer an einer deutschen Schule zu sprechen. Außerdem wollen viele ihre Sprachkenntnisse perfektionieren und übernehmen sogar die eine oder andere schriftliche Zusatzaufgabe. Da schlägt das Lehrerherz natürlich höher.“ Zum Unterricht gehören aber nicht nur mündliche und schriftliche Übungen in der polnischen Sprache, sondern auch Einblicke in die Kultur, Geografie und Geschichte des Landes. „Mir gefällt sehr gut, dass wir uns auch Bilder und Videos zu Polen ansehen“, sagt Victoria.

Das Lehrmaterial hierfür muss sich Paul Sajon aus verschiedenen, zum Teil schwierig zugänglichen Quellen zusammensuchen. Die deutschen Schulbuchverlage sind im Bereich des Herkunftssprachlichen Unterrichts jedenfalls eher dünn aufgestellt. Unterstützung kann Sajon sich aber im „Fachberaterzentrum für Herkunftssprachen, Mehrsprachigkeit und schulische Integration des Hessischen Kultusministeriums“ in Frankfurt a.M. holen. Im Moment bieten 30 Schulstandorte in Hessen ein polnisches HSU-Angebot. Alle dort tätigen Lehrkräfte werden inhaltlich vom Fachberaterzentrum betreut.

HSU auch in anderen Sprachen
Den Herkunftssprachlichen Unterricht gibt es nicht nur auf Polnisch, sondern in vielen Sprachen: Albanisch, Arabisch, Griechisch, Italienisch, Serbisch oder Türkisch – und einige mehr. Es sind die Sprachen der Länder, mit denen die Bundesrepublik in den 1950er- und 1960er-Jahren Verträge über die Anwerbung von Arbeitskräften abgeschlossen hatte. Polnisch kam als HSU-Sprache erst 1991 dazu. Man nannte die angeworbenen Arbeitskräfte „Gastarbeiter“ – weil man davon ausging, dass sie nach einigen Jahren wieder in ihre Heimatländer zurückkehren würden. Historisch gesehen stammt der HSU aus dieser Zeit. Man wollte deren Kindern ermöglichen, in der Fremde die eigene Sprache und Kultur zu bewahren. Die Gastarbeiter sind geblieben und wurden heimisch, der HSU blieb ebenfalls und wird bis heute angeboten.

Mehrsprachigkeit macht interkulturell handlungsfähig.
„Der Herkunftssprachliche Unterricht ist weiterhin nötig und aktuell“, findet Ines Gräfe, die für den HSU zuständige Dezernentin am Staatlichen Schulamt in Weilburg. „Heute wachsen viele Kinder mit zwei oder mehreren Sprachen auf. Auch wenn sie die Sprache des Herkunftslandes ihrer Familie in unterschiedlichem Grade beherrschen, ist Mehrsprachigkeit für sie eine Alltagserfahrung. Der HSU soll die Zwei- oder Mehrsprachigkeit als besondere Qualifikation erhalten und fördern, den Schülerinnen und Schülern Hilfen zur Integration geben und ihre interkulturelle Kommunikations- und Handlungsfähigkeit stärken – mündlich und schriftlich.“

Manchmal kommt der Vorwurf auf, das Festhalten an der Herkunftssprache behindere den deutschen Spracherwerb oder ganz allgemein die Integration. Das ist nicht der Fall, im Gegenteil: „Durch den HSU wird die allgemeine Sensibilität und Bewusstheit für Sprachen ausgebaut“, stellt Gräfe klar.  „Wir vermitteln dort Kompetenzen und Methoden, die beim Erlernen von Sprachen generell und bei der Weiterentwicklung der Deutschkenntnisse im Besonderen von Nutzen sind.“

Weil nicht an allen Schulen jede HSU-Sprache angeboten werden kann, besuchen auch externe Schülerinnen und Schüler die Kurse an den jeweiligen Standortschulen. In den HSU Polnisch von Paul Sajon kommen daher auch einige Kinder der umliegenden Grund- oder Mittelstufenschulen. „Das dürfen aber gerne noch mehr werden“, wünscht sich auch Ines Gräfe vom Schulamt. „Wir erhalten zur Zeit für Polnisch noch relativ wenige Anmeldungen.  Sicher spielt dabei eine Rolle, dass HSU immer zusätzlich zum regulären Unterricht nachmittags erteilt wird.“ Im Schulamtsbezirk Lahn-Dill-Kreis/Limburg-Weilburg gibt es neben der Wilhelm-von-Oranien-Schule nur noch an der Grundschule Offheim nahe Limburg ein Polnisch-Angebot.

Verschiedene Organisationsformen
Am Dillenburger Gymnasium ist man jedenfalls zufrieden mit dem neuen HSU-Standbein. Seit einigen Jahren gibt es dort bereits den Herkunftssprachlichen Unterricht auf Türkisch. Im Gegensatz zu Polnisch ist der HSU Türkisch aber nicht von Schule und Schulamt organisiert, sondern vom türkischen Konsulat. Auch dieser Unterschied hat historische Gründe. „Das wird in den Bundesländern sehr verschieden gehandhabt. In Hessen gibt es eine Mischform: Manche HSU-Sprachen werden von eigenen Lehrkräften des Landes Hessen unterrichtet, andere von Lehrenden der ausländischen Konsulate“, erklärt der für den HSU zuständige Fachbereichsleiter an der Wilhelm-von-Oranien-Schule, Markus Hoffmann. „Unser Türkisch-Lehrer hier vor Ort arbeitet pädagogisch und inhaltlich sehr vorbildlich, da haben wir vollstes Vertrauen. Mir persönlich wäre jedoch die Organisationsform mit eigenen Lehrkräften – wie bei Polnisch – lieber. Wenn der HSU ausschließlich von den Konsulaten verantwortet wird, haben wir als Schule keine Möglichkeit zu prüfen oder gar mitzubestimmen, was da genau unterrichtet wird.“

HSU Polnisch passt zur WvO Dillenburg
Gemeinsam mit Markus Hoffmann freut sich auch Schulleiter Martin Hinterlang über den neuen HSU Polnisch an seiner Schule: „Das ist eine schöne Bereicherung unseres Sprachangebots und eine tolle Chance für alle Familien mit polnischen Wurzeln – hier in der Stadt, aber auch in der umliegenden Schullandschaft. Außerdem passt es sehr gut, dass wir jetzt HSU-Polnisch-Standortschule sind: In der Oberstufe pflegen wir seit mehreren Jahren einen Auslandsaustausch mit dem polnischen ‚Liceum Ogólnokształcące imienia Juliusza Slowackiego‘ in Grodzisk Wielkopolski.“

Wer weiß, vielleicht nimmt Victoria dann in ein paar Jahren auch an einem solchen Schüleraustausch teil. Jetzt ist sie erst mal Feuer und Flamme für den HSU Polnisch. „Eigentlich wollte ich letztes Mal noch eine Freundin mitbringen, aber die konnte nicht. Vielleicht kommt sie aber zur nächsten HSU-Stunde mit.“

Schülerinnen und Schüler bzw. deren Eltern, die sich für den HSU Polnisch interessieren, finden weitere Informationen auf der Website der Schule unter https://www.wvo-dill.de/angebote/hsu-herkunftssprachlicher-unterricht.html oder können das Anmeldeformular bei Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! anfordern.



Seit Beginn des Schuljahres 2021/22 gibt es den Herkunftssprachlichen Unterricht Polnisch an der WvO.


Ca. elf Schülerinnen und Schüler nehmen zur Zeit am HSU Polnisch teil.


Victoria Mernberger geht in die sechste Klasse und möchte im HSU ihre Fähigkeit, Polnisch zu schreiben, trainieren.


Paul Sajon stammt selbst aus Polen. Trotzdem muss er sich intensiv auf den HSU vorbereiten, denn es ist oft schwierig, geeignetes Material zu finden.

2022
copyright Text: Markus Hoffmann, WvO
copyright Foto: Markus Hoffmann, WvO
  • StudiumPlus 4c

  • ses

  • logo tsv steinbach

  • naturland lahn dill

  • beruf

  • FAZ

  • Delf Scolaire CMJN

  • Cambridge English Advanced logo

  • Telc GmbH logo

  • logo uni siegen farbig transparent

  • Jugend debattiert

  • bob

  • KSt.Stempel

nach oben