Besser als Comedy
Kabarettist René Sydow gastiert an der WvO
Ende April fand im Atrium der Wilhelm-von-Oranien Schule (WvO) eine etwa einstündige Vorstellung des renommierten Kabarettisten René Sydow für den gesamten Jahrgang Q2 statt. Bereits zum dritten Mal konnte diese Veranstaltung angeboten werden dank der freundlichen Unterstützung durch die Gustav-Heinemann-Friedensgesellschaft e.V. Schüler Finn Luis Kretzer berichtet:
Die Erwartungen an die Vorstellung seitens der Schüler waren mäßig, da viele kaum Erfahrungen mit Kabarett hatten und vermutet wurde, dass es wenig unterhaltsam sei und eher den Humor etwas älterer Menschen bediene.
Doch was ist Kabarett überhaupt? Diese Frage stellte sich Sydow auch und skizzierte zwischen seinen einzelnen „Nummern“ die Geschichte dieser Kunstform, die schon im antiken Griechenland entstand mit dem Ziel, sich über die Herrschenden lustig zu machen. Im deutschsprachigen Raum entwickelte sich das Kabarett im 19. und 20. Jahrhundert und behandelte politische Themen kritisch und humorvoll. Beispielhaft wurde auf den heute fast vergessenenen Kabarettisten Werner Finck zur Zeit des Nationalsozialismus verwiesen.
Heute hat Kabarett zwar mit der Kleinkunstform Comedy gemein, das Publikum zu unterhalten und zum Lachen zu bringen, aber darüber hinaus auch gesellschaftskritisch und politisch zu sein. Dabei dürfe bzw. solle man jedoch auch über die eigenen Standpunkte und Meinungen lachen können und seine Sichtweisen hinterfragen. Denn laut Sydow ist gemeinsam Lachen der beste Weg, als Menschen zusammen zu kommen. Man könne sich nicht immer korrekt ausdrücken, weshalb es wichtig sei, über sich und auch andere zu lachen und so mehr Toleranz zu zeigen.
Sydow beleuchtete in seinem kurzweiligen Programm aktuelle Themen wie die Entwicklung der digitalen Welt, die weltweite zunehmende Waffenproduktion, Erziehung und Entwicklung junger Menschen und die Leichtgläubigkeit der Leute.
An der Digitalisierung des Lebens wurde beispielsweise karikiert, dass sie wie eine Ersatzwelt für uns sei und wir immer mehr angewiesen seien. Langsam laufe man eigentlich nur noch mit, ohne sich überhaupt Gedanken zu machen. Ich glaube, damit kann sich heutzutage jeder identifizieren.
Auch die Geschäfte der Rüstungsindustrie und die Stationierung deutscher Soldaten in Kriegsgebieten sollten in der heutigen Zeit mehr den je thematisiert werden. Dazu Sydow: „Wir schicken deutsche Soldaten in ein fremdes Kriegsgebiet, damit wir in Deutschland sicher sind. Das wäre ja genauso, wie wenn ein Vater seine Tochter anschaffen schickt, damit der Sohn Theologie studieren kann.“ Solche Sätze schaffen es, dass man über ein ernstes Thema lacht, aber dennoch zum Nachdenken bewegt wird. Und gerade das hat bei mir einen bleibenden, positiven Eindruck gemacht.
Die Erziehung von Kindern hat sich in den letzten Jahren, auch aufgrund der frühen Nutzung von Handys, drastisch verändert, eine Entwicklung, die viele vermutlich bereits im eigenen Umfeld beobachten konnten. Kinder wachsen heute oft überbehütet auf. Während seiner Vorstellung hat Sydow immer wieder Statistiken oder Studien erläutert, wie beispielsweise dass 10,3 Prozent der Stadtkinder an Heuschnupfen erkranken, während nur 3,1 Prozent der Kinder am Dorf betroffen sind, was uns darauf aufmerksam macht, dass Kinder, die nur im Zimmer am Handy spielen, anfälliger sind zu erkranken, als Kinder, die mehr raus an die frische Luft gehen.
Auf beeindruckende Weise tauchte René Sydow mehrfach in Rollen ein, in denen er Texte vortrug. Hier stachen die stimmige Gestik, die gute Betonung, die souveräne Haltung und der blitzschnelle Wechsel der Rollen heraus. Es war bemerkenswert, wie sicher Rene Sydow war und wie flexibel er, im Gegensatz zu machen anderen Vortragsveranstaltungen, mit dem Publikum interagiert hat.
Nach dem Vormittag mit René Sydow kann ich jedem, der sagt, „Ach ne, ich glaube Kabarett ist nichts für mich“, sehr empfehlen, sich mal eine Vorstellung anzugucken, da es positiv von reiner Comedy abhebt und die Zuschauer gleichzeitig noch zum Nachdenken anregt.
- 2026
- copyright Text: Finn Luis Kretzer
- copyright Foto: Markus Hoffmann, WvO