BDM-Mädchen und Jungvolk-Pimpf

Lebendiger Geschichtsunterricht: Das Ehepaar Kämpfer aus Haiger als Zeitzeugen im WvO-Unterricht

Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die über die NS-Zeit und die unmittelbare Nachkriegszeit berichten können. Umso gespannter waren die Schüler des Geschichte-Grundkurses Q4 von Lehrer Paul Sajon auf den dritten Teil des Projektes "Mit Zeitzeugen im Gespräch". Nach Rainer Seliger ("Kalter Krieg - Alltag und Politik in der Sowjetunion der 1980er aus der Sicht eines Touristen") und Angela Gehrmann ("Das letzte Jahrzehnt der DDR und die Wiedervereinigung") kamen mit Gertrud Kämpfer (Jahrgang 1930) und Gerhard Kämpfer (Jahrgang 1933) aus Haigerseelbach Anfang März die ältesten Zeitzeugen des Projekts zu Wort. Auf Grund der Lebenserfahrung des Ehepaars haben die Schüler eine (Regional-) Geschichtsstunde erlebt, die ganz selten ist. Der thematische Schwerpunkt des Gesprächs lag auf der NS-Zeit und dem ersten Jahrzehnt nach 1945 (Besatzungszeit und Ära Adenauer).

Die NS-Zeit

Das Ehepaar Kämpfer erzählte offen von der eigenen Jugend in der Hitlerzeit. Die Aktivitäten im BDM (Bund Deutscher Mädel) oder im "Deutschen Jungvolk" für die Jungen von 10 bis 14 Jahren hätten damals mit Geländespielen, Sportwettkämpfen oder Schnitzeljagden für Begeisterung gesorgt. "Wichtig war auch, dass jeder dort mitmachte, alle zogen mit und waren automatisch dabei. Vor dem Unterrichtsbeginn und zu besonderen Anlässen stand man auf dem Schulhof, mit dem Hitlergruß und sang das Deutschland-Lied. Die Fahne wurde gehisst und diese Feierlichkeiten waren unser Alltag und für uns ganz normal", so Frau Kämpfer. Diese überwiegend positiv gefärbten Erinnerungen aus der Kinder-Perspektive machten den Alltag in der NS-Zeit für uns Schüler anschaulicher und nachvollziehbar.

Jedoch gab es auch schmerzliche Erlebnisse, wie Herr Kämpfer berichtete. Beispielsweise die Einberufung seines Vaters in den Krieg. Dieser hatte schon am Ende des Ersten Weltkriegs gekämpft und wurde nun als knapp 40-jähriger Mann wiederum zur Wehrmacht eingezogen. Als er Ende 1946 traumatisiert und als psychisches "Wrack" aus Russland zurückkehrte, konnte er keine richtige Beziehung zur Familie und seinem Sohn aufbauen. Gerhard Kämpfer war sein eigener Vater - nach langer Abwesenheit an der Front - fremd geworden Die Mutter musste zuhause zwei Kinder großziehen, diese versorgen und die Landwirtschaft aufrechterhalten. Bis heute ist es für Herrn Kämpfer unbegreiflich, wie sie das alles im Krieg und auch danach schaffen konnte.

Spannend für die Schüler waren auch die Erinnerungen an die Bombardierung Haigers, die Herr Kämpfer auf dem Heimweg von der Schule - zum Teil aus Ginsterbüschen heraus, in die er sich in Sicherheit brachte - beobachtete. Er erzählte von der Zerstörung von Bahngleisen und dem Beschuss von Waggons und wie er die Gestalt eines Piloten in einem Jagdflugzeug erkennen konnte. Während anderer Fliegeralarme habe er auch den Luftschutzraum unter der evangelischen Kirche benutzt.

Bis heute besonders war für ihn die Entdeckung eines unrealistischen "Jägers" am Horizont. Dieser Flieger sei unglaublich schnell, ohne Propeller und in einer unbekannten Form dahergekommen. Erst Jahre später verstand Gerhard Kämpfer, dass das ungewöhnliche Flugobjekt wahrscheinlich eines der ersten Düsenflugzeuge der Welt gewesen sein musste.

Und die Haigerer Juden?

Laut Herrn Kämpfer hat man über Konzentrationslager in seinem Familienkreis nicht gesprochen und den Begriff "KZ" auch bis 1945 nicht benutzt. Juden kannte er persönlich nicht, auch nicht Frau Kämpfer, die aus Neukirchen stammt. Einige Freunde von Herrn Kämpfer pflegten jedoch freundschaftliche Kontakte zu Haigerer jüdischen Gleichaltrigen. 1933 habe es sechs jüdische Familien in der Stadt (zusammen etwa 28 Personen) gegeben. Aufgrund der zunehmenden Anfeindungen gingen einige Juden "freiwillig" weg.

Im Jahr 1937 seien noch elf steuerpflichtige jüdische Einwohner gemeldet gewesen. Laut Herrn Kämpfer waren diese Juden völlig normale Bürger - ganz unauffällig. Irgendwann nach dem Ausbruch des Krieges habe man gehört, dass die Juden abtransportiert worden seien. 1941 lebten keine Juden mehr in Haiger. Die eigenständige kleine jüdische Gemeinde bestand also von ca. 1910 bis 1939/1940. Die Mikwe (jüdisches Ritual-Tauchbecken) befand sich im Keller des ehemaligen Hauses der Familie Hirsch, Kreuzgasse 7.

An eine antijüdische Hetze oder "Hass-Lernen" in der Schule den Juden gegenüber konnte sich das Ehepaar Kämpfer nicht erinnern. Alle diese Angaben zur Geschichte der Haigerer Juden hat sich Herr Kämpfer aber erst allmählich angeeignet, nachdem er in die Lokalpolitik eingestiegen war.

Nach 1945

Mit dem Kriegsende kehrte Erleichterung ein, aber auch die relative Armut wurde offenbar. "Niemand hatte etwas, aber wir mussten nie hungern", berichtete Herr Kämpfer. "Alle waren arm, ein Geflohener aus Köln gab uns Geigenunterricht und bekam als Bezahlung Essen." Mit US-Soldaten habe man nur selten zu tun gehabt, "da sie meistens nur ein, zwei Nächte in Haiger blieben. Ab und zu bekamen wir Schokolade oder Kaugummi, das kannten wir vorher gar nicht." Gefragt nach den Gefühlen am unmittelbaren Kriegsende lachte Herr Kämpfer schelmisch. Als Junge sei er oft in den Wald gegangen. Denn dort konnte man liegengebliebene Munition und sogar Waffen finden. Er selbst habe mit Handgranaten Fische aus dem See "gefischt" und über den Nachmieter der damaligen Wohnung erfuhr er Jahrzehnte später, dass dieser im Keller noch eine gut versteckte und vergessene Maschinenpistole fand.

Auf der Suche nach einer Lehrstelle erfuhr er 1948/1949 Ablehnung, weil die Heimatvertriebenen aus dem deutschen Osten bevorzugt wurden. Ansonsten konnte es nach dem Kriegsende "ja nur bergauf gehen, es war ja schon alles kaputt", so Herr Kämpfer. Mit einem Stundenlohn von 53 Pfenning (Herr Kämpfer) und 83 Pfenning (Frau Kämpfer) arbeiteten sie und "man gönnte sich auch schon mal einen Zehn- oder Zwölf-Tage-Urlaub an den Bodensee für 150 Mark, das war ein halber Monatslohn." - so Frau Kämpfer.

Rolle der Frau

Gertrud Kämpfer wusste auch Interessantes über die Aufgabe und Rolle der Frau in der NS-Zeit und danach zu berichten: "Als Mädchen und Frau hat man sich eher weniger über politische Zusammenhänge unterhalten. Die Aufgabenverteilung war klar und traditionell. Man wurde als Frau eher schief angesehen, wann man sich in die "Männer-Domäne" einmischte. Die Frauen standen eher in der zweiten Reihe. Man hat auch Männern damals viele Bereiche überlassen - so war es halt. Nicht zu vergessen ist auch die stärkere Geschlechtertrennung in Schule und Alltag im Vergleich zu heute. Somit kann ich auch viele spezielle Fragen aus dem politisch-wirtschaftlichem Bereich gar nicht detailliert beantworten."

Wirtschaftswunder, Sozialdemokraten und DDR

"Die Gründung der BRD oder die Kanzlerschaft von Adenauer waren für uns in der Haigerer Gegend eher zweitrangig. Der Alltag zählte", erinnerte sich Herr Kämpfer. "Wirkliche Veränderungen haben die einfachen Menschen mit der Einführung der D-Mark bemerkt. Es geschah aber auch allmählich. Jahr für Jahr bekam ich etwas mehr Stundenlohn. So konnte man sich, wenn man sparsam war, immer mehr kaufen. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung der 1950er Jahre kam schrittweise ein bescheidener Wohlstand, der allerdings kontinuierlich wuchs." Nach mehreren gezielten Nachfragen bekannte sich Herr Kämpfer schließlich dazu, dass er als SPD-Anhänger von Adenauer nicht viel gehalten habe. "Große Staatsmänner waren für mich Willy Brandt und Helmut Schmidt. Sie haben gute Politik gemacht. Die neue Ostpolitik von Brandt fand ich auch schon damals wichtig und richtig." So begann Herr Kämpfer erst Ende der 1960er Jahre damit, sich stärker für die Politik zu interessieren. Sein politisches Engagement als Lokalpolitiker in der SPD beendete er als Ehrenstadtrat von Haiger und blickt auf eine über 40jährige Erfahrung als Schiedsmann zurück.

Erst in den 80er Jahren führten einige Reisen das Ehepaar auch in die DDR und nach Ost-Berlin. Dort spürte man deutlich eine andere Behandlung von Ost- und West-Bürgern. Die West-Bürger wurden bevorzugt behandelt. Auffällig waren in der DDR auch das Aluminium-Besteck und das Erkennen der West-Münzen allein am Klang.

Am Ende des Zeitzeugeninterviews resümierte Herr Kämpfer und sagte: "Aus der heutigen Sicht ist das Verhalten, Denken und teilweise Begeisterung der Deutschen für das NS-Regime nicht nachvollziehbar. Man kann es nur aus dem historischen Kontext verstehen. Wie man damals gedacht und gefühlt hat, ist für die heutige Generation schwer begreifbar. Wir selbst - durch das Wissen und die Reflexion über das Geschehene - denken über unsere Vergangenheit heute anders."

Wie wichtig Zeitzeugenbegegnungen sind, fasste ein Schüler so zusammen: "Man konnte sich sehr gut in die damalige Zeit versetzen. Außerdem wurde es sehr emotional vorgetragen, was auch sehr positiv ist". Ergänzend betonte eine Schülerin die Bedeutung für den lokalen Blickwinkel: "Besonders interessant waren die Schilderungen der Ereignisse in unserer Gegend, wie etwa die Bombardierung Haigers. Mir persönlich hat dies das Kriegsgeschehen verständlicher gemacht".

Der Kurs hat sich mit kräftigem Applaus für das aufschlussreiche Gespräch bedankt und war sehr angetan von den Schilderungen.

©2020 Text: Sophie Menning, Q4
Foto: Paul Sajon, WvO

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