Was ist Glück? Ganz einfach: Finde den richtigen Ehepartner

Rabbiner Soussan debattiert mit WvO-Schülern

Anfang Dezember fand im Atrium der Wilhelm-von-Oranien-Schule (WvO) für alle Schüler der Einführungsphase (Kl. 11) ein Vortrag über "Modernes Judentum: Glaube und Glück – Ein Widerspruch?" statt. Als Redner war Julian-Chaim Soussan, ein Rabbiner der Frankfurter Jüdischen Gemeinde zu Gast. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ e.V. Dillenburg) über Dr. Christoph Münz und der Fachschaft Ethik – federführend Michael Kämpfer und Paul Sajon – organisiert. Der Rabbiner sprach in seinem Vortrag über das Glück aus jüdischer Perspektive.

Nach einer Begrüßung durch Kerstin Renkhoff als Schulleitungsmitglied führte Michael Kämpfer kurz ins Thema ein und übergab dann an den Referenten. Herr Soussan definierte zuerst das Judentum als etwas Lebendiges, als eine Anleitung für das ganze Leben und das Leben selbst als eine religiöse Aufgabe. Der Ausgangspunkt für ein gelingendes Leben sei dabei aus jüdischer Sicht die Tora (hebr.: "Weisung"), die man als die fünf Bücher Mose kennt. Dieses heilige Buch habe Gott den Juden geschenkt, um sie im ganzen Leben zu unterstützen und ihnen den richtigen Weg zu zeigen. Gut und Böse sowie Richtig und Falsch würden bereits mit der Geschichte von Adam und Eva definiert. Während die Menschheit Chaos stifte, schaffe Gott Ordnung. Dies drücke sich in einer ganzen Reihe von Verboten und Geboten aus, wie z.B. dem Verbot von Götzenanbetung, Raub, Gotteslästerung oder auch der Brutalität gegenüber Tieren. Das Befolgen der in der Tora enthaltenden Gesetze stehe also keinesfalls im Widerspruch zu dem Erfahren von Glück, sondern sei eine Folge des Glaubens und damit der Weg zur Glückseligkeit.

Für viele überraschend kam Rabbi Soussan auf die Ehe von Mann und Frau im Zusammenhang mit Glück zu sprechen. So sei man nach Ansicht des traditionellen Judentums nur ein halber Mensch, wenn man seinen Lebenspartner noch nicht gefunden habe. Nur mit der richtigen Person werde der Mensch vollständig, weil Mann und Frau füreinander bestimmt seien.

Als praktisches Beispiel für jüdische Ethik wurde auf den bekannten alttestamentarischen Spruch "Auge um Auge, Zahn um Zahn" eingegangen. Dabei gehe es nicht, wie heute oft fälschlich angenommen, um brutale Vergeltung, sondern um Recht und Gerechtigkeit. Es handle sich vielmehr um die Suche nach einem angemessenen Äquivalent für einen erlittenen Schaden. Unter Bezug auf die gemeinsame Abstammung aller Menschen von Adam und Eva her betonte Herr Soussan die Einzigkeit und Gleichwertigkeit aller Menschen. Dies bedeute: Wir alle sind gleich – ohne Unterschied und Ausnahme. Dies werde wunderbar ausgedrückt durch den Spruch: "Jeder, der einen Menschen tötet, ist, als hätte er die ganze Welt vernichtet, und jeder, der einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt". Mehrmals betonte er die historisch-kultische Nähe des Islams zum Judentum (z.B. im Glauben an den einen Gott, die Jungenbeschneidung, das Schächten oder in der Ablehnung von Schweinefleisch).

In der anschließenden Fragerunde zeigte Rabbiner Soussan, der ursprünglich Pilot werden wollte, auch noch seine humorvolle und geduldige Seite, indem er das volle Atrium mit seinem Humor zum Lachen brachte und sich auch kritischen Nachfragen stellte. Das Judentum sei eine Religion, die den Leitspruch "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" habe – so Soussan. Damit sei der Grundstein für ein glückliches Miteinander der Menschheit gelegt.

Diese Fragerunde war zweifelsohne der Höhepunkt des Treffens und hätte wohl doppelt so lange dauern können, weil sich die Schüler das Mikrofon förmlich aus den Händen gerissen haben. Der Kontakt mit einem Repräsentanten des jüdischen Glaubens und die Erläuterungen der jüdischen Perspektive auf das Lebensglück erwiesen sich für die Schülerinnen und Schüler als eine beeindruckende Erfahrung.

©2019 Text: Nele Bastian und Stine Schüler, Klasse E1A
Fotos: Paul Sajon, WvO

Bildergalerie
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 Rabbiner Julian-Chaim Soussan referierte vor den Schülern der elften Jahrgangsstufe.
 Rabbiner Soussan (Mitte) mit einigen Schülern der E-Phase und den Organisatoren Paul Sajon (PW) und Michael Kämpfer (Ethik).
Rabbiner Julian-Chaim Soussan referierte vor den Schülern der elften Jahrgangsstufe.