Interesse an deutsch-deutscher Geschichte übertrifft die Erwartungen

Wilhelm-von-Oranien-Schule erinnert unter dem Motto "70 – 40 – 30" eine Woche lang an die deutsche Teilung und Einheit

Glaubt man dem französischen Schriftsteller und Romancier Marcel Proust (1871-1922), dann sind "gemeinsame Erinnerungen die besten Friedensstifter und zugleich die besten Warnungen." Ein Zitat, das auch der "Woche der Erinnerung", die die Wilhelm-von-OranienSchule Dillenburg vom 28. Oktober bis zum 1. November initiiert hatte, zur Überschrift hätte gereichen können.

"70 – 40 – 30" war das Motto, an dem sich die Veranstaltungsreihe des Dillenburger Gymnasiums orientierte: 2019 ist das Jahr, in dem das bundesdeutsche Grundgesetz seit nunmehr 70 Jahren als Ordnungsrahmen unserer Gesellschaft fungiert. 30 Jahre ist es am 9. November her, als die Berliner Mauer fiel und damit das Ende der 40-jährigen deutschen Teilung eingeleitet wurde. Der europäische Kontinent blickt seitdem auf eine zuvor nie gekannte Friedensperiode von nunmehr 74 Jahren zurück.

"Das Interesse der Schüler an dieser Thematik hat meine Erwartungen und auch die meiner Kollegen teilweise bei Weitem übertroffen", sagt Jennifer König-Abraham rückblickend. Die WvO-Lehrerin, die Englisch und Geschichte unterrichtet, hatte mit fünf weiteren Kolleginnen und Kollegen des Faches Geschichte ein abwechslungsreiches Programm rund um das Motto "70 – 40 – 30" zusammengestellt, in dessen Fokus immer wieder Zeitzeugen standen, die aus ihrem Alltag in der ehemaligen DDR berichteten.

Den Anfang machte am Montagnachmittag das "Zeitzeugencafé", bei dem die interessierten Besucher zeitgleich in acht Klassenräumen den Erlebnisberichten der Erzählenden lauschen und sogar Einblicke in deren Stasi-Akten vornehmen durften. Am Dienstagmorgen las Grit Poppe, eine in der Ostseegemeinde Boltenhagen geborene Jugendbuchautorin, insgesamt sechs Klassen der Jahrgangsstufen 9 und 10 aus ihrem Roman "Schuld" vor, wobei sie von Detlef Jablonski zum einen musikalisch, zum anderen durch kurzweilige und berührende Schilderungen aus dessen Biografie begleitet wurde. Tags darauf wurde es wieder schulisch; zumindest dem Titel nach. Nach der Mittagspause bekamen WvO-Schüler den Film "Das schweigende Klassenzimmer" zu sehen. Im Zentrum der Handlung steht dabei eine DDRAbiturklasse, die sich anlässlich des ungarischen Volksaufstands im Jahr 1956 im Unterricht zu einer Schweigeminute für die Opfer entscheidet. Abgerundet wurde die Reihe der Lesungen und Zeitzeugengespräche am Donnerstagabend, als Gabriel Berger, Physiker und einst politischer Häftling, aus seinen Werken "Ich protestiere, also bin ich" und "Allein gegen die DDR-Diktatur" vorlas.

Begleitet wurden diese Events von unzähligen Ausstellungsplakaten, die von der Geschichte-Fachschaft der WvO zuvor in der gesamten Schule ausgehängt worden waren und die sich inhaltlich mit dem Kalten Krieg, der deutschen Teilung und dem Alltagsleben in beiden deutschen Staaten auseinandersetzten.

Heimliches Highlight der Woche war jedoch zweifelsohne die Dauerausstellung mit Kunstexponaten der WvO-Schüler, die sich rund um das Atrium ausgebreitet hatte. Ausgestellt wurden jene Kunstwerke, die die Schülerschaft seit Beginn des Schuljahres in ihren Kursen hergestellt hatte, wobei jeder Klasse zuvor ein eigenes Jahrzehnt (1949 bis 2019) zugelost worden war, welches zugleich das übergeordnete Thema der Werke vorgab. Die Palette reichte dabei von lebensgroßen Hippie-Figuren über nachgestellte DDRWahlkabinen bis hin zu selbst erstellten Film-Dokumentationen.

"Ich habe die Woche der Erinnerung mehr als sehr positiv erlebt. Es war zwar eine ganze Menge Arbeit, aber das Interesse der Schüler hat mich total überrascht. Sowohl beim Film als auch beim Zeitzeugencafé mussten wir spontan auf zusätzliche Räume ausweichen, weil der Andrang so groß war", berichtet König-Abraham und ergänzt: "Viele Schüler sowie Kolleginnen und Kollegen haben mich angesprochen, dass diese Woche ihr Interesse geweckt habe. Sie haben mir berichtet, dass sie so etwas mit Blick auf die deutsche Geschichte gerne häufiger machen würden." – ganz im Sinne von Marcel Proust.

©2019 Text: Nico Hartung, WvO
Fotos: Markus Hoffmann, WvO

Bildergalerie
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  In einem Schülerwettbewerb gestalteten viele Klassen beeindruckende Exponate, welche das zugeloste Jahrzehnt anschaulich präsentierten.
 Zeitzeuge Hans-Jürgen Neuwirth erzählte von seinem Ausreiseantrag, gab Eindrücke aus DDR-Propagandamaterial weiter und gewährte dem Publikum auch Einblicke in seine mitgebrachte Stasi-Akte.