Grabplatten säubern – Kerzen anzünden – Geschichte lernen

WvO-Schüler besuchen den Dillenburger Hauptfriedhof

Kann man beim Saubermachen lernen? Geht das vielleicht nebenbei mit einer App und einem Handy mit Kopfhörern? Oder mithilfe eines Automaten, der für uns die Arbeit übernimmt und uns zum Lernen mehr Zeit verschafft? Keins von beiden. Beim "Sich-Dreckigmachen" tatsächlich lernen, das war die Idee des Geschichtsprojekts für den Q3 Grundkurs Geschichte von Herrn Sajon. Ein Tag Ende Oktober schien ideal für den Besuch des Dillenburger Hauptfriedhofes. Die besinnlich einstimmenden Herbsttage, sonniges Wetter und die bevorstehenden Fest- und Gedenktage Buß- und Bettag, Allerheiligen und der Volkstrauertag boten einen guten Anlass für ein solches Projekt.

Zwangsarbeiter

Zunächst besuchte die Gruppe die Begräbnisstätte der Zwangsarbeiter des Zweiten Weltkrieges. Um das 2001 neu aufgestellte Kreuz liegen insgesamt 16 Gräber - überwiegend von den sogenannten "Zwangsarbeitern Ost" (aus der Sowjetunion), die in den Dillenburger Betrieben und Fabriken Sklavenarbeit verrichteten. Darunter befinden sich aber auch überraschenderweise zwei kleine Mädchen (zwei und drei Monate alt), die wahrscheinlich von Zwangsarbeiterinnen geboren wurden. Nachdem die einzelnen Platten stark verwittert waren und die genauere Zuordnung nicht mehr möglich war, hat sich die Stadt Dillenburg für eine Umgestaltung, die bis heute besteht, entschieden. Auf der an das Granitkreuz angebrachten Bronzeplatte sind die Namen der Zwangsarbeiter mit dem Todesdatum deutlich lesbar.

Die meisten Opfer waren an der Erschöpfung oder – wie die Akte belegt – Krankheiten wie Lungenembolie und -entzündung sowie Tuberkulose und Diphtherie gestorben.

Deutsche Soldaten: Erster und Zweiter Weltkrieg

Unweit der Begräbnisstätte der Zwangsarbeiter markiert ein ca. vier Meter hohes, schlichtes Holzkreuz das Grabquartier der 109 deutschen Soldaten aus den beiden Weltkriegen. Um inhaltlich das Projekt weiter fortzuführen, mussten zunächst die Grabplatten der Soldaten mit Kieferzapfen, Ästen und Wasser von Moos und Laub befreit werden, damit die Platten wieder lesbar wurden. Dabei knieten die Schüler praktisch auf den Gräbern selbst, während sie bemüht waren, die eingravierten Daten zu entziffern. Manche Schriftzüge hatten in den letzten fast hundert Jahren seine Farbe verloren und die Gravur war stark verwittert, so dass die Namen nur schwer oder gar nicht lesbar waren. Von 109 Grabplatten konnten wir 105 entziffern. In den beiden Weltkriegen gab es viele Soldaten, die vermisst wurden bzw. deren sterbliche Überreste nie gefunden wurden. Viele Dillenburger Soldaten wurden an anderen Orten – oft im Ausland – begraben. Somit wären laut der Stadtverwaltung auf dem Dillenburger Hauptfriedhof und in den anderen Stadteilen (mit Ausnahme von Frohnhausen und Manderbach) dennoch relativ viele heimische Soldaten begraben. Die Gesamtanzahl der Soldatenopfer wird beim Betrachten des Gedenk-Obelisken (Ecke Frankfurter Str. und Untertor) deutlich. Insgesamt findet man dort die Namen von 130 Gefallenen und von sieben Vermissten - allein nur aus den dem Ersten Weltkrieg.

Bei der Auswertung der Daten konnten wir einige bemerkenswerte Informationen herausfinden. Im Ersten Weltkrieg sind insgesamt 73 Soldaten gefallen – die meisten im ersten (17 Männer) und im letzten Kriegsjahr (45 Männer). Einige sind sogar erst nach offiziellem Kriegsende verstorben, vermutlich an Spätfolgen. Somit wären fast 70% aller in beiden Weltkriegen Dillenburger Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg vor Ort begraben. Unter den 32 Gräbern aus dem Zweiten Weltkrieg befinden sich zwei von Jungen im Alter von einem und sieben Jahren. Fast alle Soldaten (87%) sind im letzten Kriegsjahr gefallen, nur vier in den ersten vier Kriegsjahren. Drei Soldaten haben, dem Alter nach, an beiden Weltkriegen teilgenommen und alle drei sind im Jahr 1945 gefallen. Bei den gefallenen Soldaten der beiden Kriege war Hans Schulz mit 18 Jahren der jüngste (1. WK) und Heinrich Weigel mit 50 J. der älteste (1. WK). Der Großteil der hier Begrabenen waren einfache Soldaten, d.h. Ränge: Soldat bis Unteroffizier/Korporal. Georg Lederer und Erich Rode waren die ranghöchsten gefallenen Soldaten (Leutnant, 1. WK).

Im Gedenken an die Zwangsarbeiter, die gefallenen Soldaten und andere Opfer der Weltkriege zündeten die Schüler Kerzen an und dachten im Stillen über die an den Gräbern erhaltenen Eindrücke nach.

Was bleibt hängen?

Was hat uns Schülern das Projekt gebracht? Für die Gräberpflege und ihre Gestaltung ist die Stadt Dillenburg verantwortlich. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge beteiligt sich anteilig an den Pflegekosten der Soldatengräber. Am Volkstrauertag wird jährlich gemeinsam mit dem Volksbund mit einer Kranzniederlegung an die Soldaten gedacht. Bei der Reflexion waren die Schüler von dem Tod des jüngsten Soldaten – gerade mal 18 Jahre – schockiert. "Er war in unserem Alter", stellten sie fest und bekamen so einen unerwarteten Zugang zur Geschichte. "Es war eine wichtige und gute Erfahrung – ein gelungener Ausgleich zum normalen Unterricht", so andere Schülerstimmen. Den Schülern war vor dem Projekt nicht bewusst, dass ein so großer Bereich des Dillenburger Hauptfriedhofes den Opfern der beiden Weltkriege gewidmet ist. Allerdings bemängelten sie den leider oft nicht würdigen Zustand der Grabplatten; solche Anlagen sollten besser gepflegt und instandgehalten werden, meinten sie. Weil die Schüler "eine Nähe zu den geschichtlichen Ereignissen spüren konnten", kam der "etwas andere Geschichtsunterricht" gut an. Ein solcher Exkurs sei "unter politischen sowie geschichtlichen Aspekten nötig, um gebildet zu werden und möglicherweise Schlimmes in Zukunft verhindern zu wollen.", so einer der Schüler.

Wir danken sehr den Herren Henning Hofmann (Dillenburger Geschichtsverein) und Andreas Weiffenbach (Stadt Dillenburg, Verantwortlicher für die Pflege der Grünanlagen) für wertvolle Hinweise und ihre Hilfe bei der Recherche.

©2019 Text: Aysenur Tekin und Emily Wege, Q3
Fotos: Paul Sajon, WvO

Bildergalerie
(zum Vergrößern auf das Bild klicken)