"Unbegreiflich", "beeindruckend" und "ehrlich"

Q2-Schüler treffen im Zeitzeugengespräch auf Dillenburger Abiturienten des Jahres 1948

Am vergangenen Freitag, dem 8. Juni 2018, fand im Atrium der WvO ein Zeitzeugengespräch zwischen einigen Geschichtskursen der Q2 und ehemaligen Abiturienten/innen des Dillenburger Gymnasiums des Jahrgangs 1948 statt. Eine Stunde lang hatten die Schülerinnen und Schüler sowie deren Lehrer Gelegenheit, die Zeitzeugen zu ihrem Leben in der NS-Zeit, der Nachkriegszeit und ihrem Werdegang zu befragen. Unter diesen Zeitzeugen befand sich auch wieder einmal Prof. Dr. Hans W. Decker, der den weiten Weg aus Amerika auf sich genommen hatte, um die WvO mit seinem Besuch zu beehren. Ebenfalls dabei waren seine früheren Schulkameraden Marlis Geiser, Angela Klemm, Alfred Neuhof, Walter Schranz und Barbara Wolfram.

Besonders an dieser Veranstaltung war, dass die Gäste den Schülern Fragen und Eindrücke aus erster Hand wiedergeben konnten: Was die Lehrer aus Büchern und anderen Quellen lehren, hatten diese Zeugen persönlich miterlebt, weshalb deren Antworten den Schülern besonders authentisch erschienen.

Es wurden Fragen über die eigene Kindheit, den Berufsweg und die damalige politische Lage gestellt. Zum einen wurde den Schülern von allen Zeitzeugen versichert, dass diese zu ihrer Zeit als Kinder keine Ahnung gehabt hätten, was tatsächlich im eigenen Land vor sich gehe. Sie hätten vieles nicht gewusst, zum Beispiel sei das Wissen über die Existenz von Konzentrationslagern gar nicht so verbreitet gewesen, wie die Schüler bisher angenommen hatten. Vieles sei unbekannt gewesen und sie hätten erst im Nachhinein einiges erfahren, was sie sehr mitgenommen habe. Außerdem hätte keiner von den Zeitzeugen die damalige Politik unterstützt, vor allem da diese zu dem Zeitpunkt noch Kinder gewesen seien [Herr Prof. Decker ist z.B. Jahrgang 1929]. Zu berücksichtigen sei auch, dass die Kenntnisse über die NS-Verbrechen hier im ländlichen Raum z.T. deutlich anders gewesen seien als beispielsweise im städtischen Raum.

Zum Nachdenken haben die Schüler vor allem die Kindheitsgeschichten der Zeitzeugen gebracht. Einige hätten den Wohnort und somit die Schule wechseln müssen, da in ihrer eigenen Heimat ein erhöhtes Bombenangriffsrisiko gegolten habe und zum Teil die eigene Schule zerstört worden sei, weshalb es keine andere Möglichkeit gegeben hätte, als umzuziehen. Eine Zeugin berichtete auch, dass sie erst vorgehabt hätte zu studieren, das zurückgelegte Geld aber auf Grund der finanziellen Lage nach der Vertreibung aus dem Sudetenland nicht mehr für sie und ihren Bruder aufgebracht werden konnte und ihr Berufsweg sich deshalb anders gestaltet habe. Sehr interessant für die Schülerinnen und Schüler waren die Erinnerungen der Gäste an Goebbels' Sportpalastrede, in der es hieß: "Wollt ihr den totalen Krieg?". Die Zeugen erinnerten sich nicht gerne an diese Rede, es sei ihnen bei dieser ganz anders ums Herz geworden, zudem es sich damals um reine Propaganda gehandelt habe, vor ausgewähltem Publikum. Insgesamt hätten die Zeitzeugen zwar in einer eher aufregenden Zeit gelebt, aber als Kinder nicht so viel davon mitbekommen, wie man als Außenstehender vermuten würde. Zwar waren diese auch in der HJ und im BDM, empfanden dies damals aber als abwechslungsreiche und soziale Beschäftigung, und hätten damit nicht die damalige NS-Politik unterstützen wollen.

Die Veranstaltung war für die Schülerinnen und Schüler und deren Lehrer sehr informativ. Die Zeitzeugen konnten den Schülern im persönlichen Gespräch vieles darlegen und verständlich machen, was nicht per Lehrbuch zu vermitteln gewesen wäre. Die Teilnehmer gingen mit gemischten Gefühlen aus der Veranstaltung, da die Geschichten der Zeugen zu einigen Teilen traurig und unvorstellbar waren.

Fazit: Die Veranstaltung war wirklich sehr interessant und informativ, es wäre schön, wenn auch in Zukunft andere Klassen zu einer solchen Veranstaltung Zugang hätten, da Zeitzeugen einen persönlichen Kontakt im Gespräch aufbauen. Es ist eine abwechslungsreiche Möglichkeit, den Schülerinnen und Schülern das Thema und die damaligen Verhältnisse nahe zu bringen.

©2018 Text: Kira Haubach, Q2
Fotos: Sarah Eckstein, WvO

Stimmen von Schülerinnen und Schülern nach dem Zeitzeugengespräch

Mich hat es sehr überrascht, dass alle Zeitzeugen die NS-Zeit anders wahrgenommen haben. Decker selbst beschrieb, dass er in seiner Wohngegend kaum etwas von den Bombardements mitbekommen habe, während andere teils die Schule oder den Wohnort deswegen wechseln mussten. Außerdem war es für mich auch interessant zu erfahren, dass die Jugendlichen in ländlichen Gegenden damals kaum etwas von den politischen/ ideologischen Absichten Hitlers erfahren haben, sondern diese erst nach dem Zusammenbruch der Diktatur klar wurden. (Ilayda)

Beeindruckt hat mich die Art, wie die Zeitzeugen die vergangene Zeit wiedererzählt haben. Sie fühlten sich bei den Fragen nicht gestört und beantworteten diese so gut wie möglich. Dazu gehört auch der damalige Schulalltag, beginnend mit der Ankunft und der Begrüßung in der Schule. Außerdem hat mich der berufliche Werdegang der Zeitzeugen nach dem Zweiten Weltkrieg sehr beeindruckt, da sie fast alle ein Studium begonnen haben. (Khac-Trong)

Jeder hatte seine eigene Geschichte und jede Geschichte war interessant und beeindruckend. Alle hatten Gemeinsamkeiten: ihre Schulzeit während des Zweiten Weltkrieges und danach und das gemeinsame Abitur. Es war unglaublich interessant zu hören, wie das Leben jedes Einzelnen danach weiterging. Ich fand jede Geschichte interessant, egal ob es um beruflichen Erfolg ging oder eine glückliche Familie. Jede Geschichte war einzigartig und beeindruckend. (Julia)

Ich finde es immer gut, mit Menschen zu reden, die zu diesen Zeiten gelebt haben und diese Ereignisse leibhaftig erlebt haben, anstatt nur von diesen Schicksalen im Unterricht und somit durch eine dritte Person zu hören. Man kann sich viel besser in diese Menschen hineinversetzen, da man ihnen in die Augen schaut, mit ihnen redet und sie einfach frei aus ihren Erinnerungen, aus erster Quelle, berichten. Zudem kann man sie auch private Dinge fragen, die man vielleicht nicht in Geschichtsbüchern findet, und nach ihrer Perspektive. (Lea)

Sie haben in diese Zeit zurückgeblickt und man merkte, dass sie in eine Mischung aus Nostalgie und Trauer eintauchen, aber trotzdem konnten sie ruhig und differenziert von ihren Erlebnissen aus dieser Zeit erzählen. (Justus)

Trotz des hohen Alters wirkten die Zeitzeigen sehr gefasst. Ihre Aussagen waren sehr ehrlich […]. Gleichzeitig sind sie mit den Rückschlägen, die sie im Krieg erfahren hatten, wie den Verlust des Vaters oder des Bruders, sehr gewöhnlich umgegangen. Diese Erfahrungen wirkten fast "normal", bzw. "kriegsalltäglich" für sie. […] Neu war für mich die Tatsache, dass man nicht von einem Gesamteindruck über die Situation während der Zeit sprechen konnte. In Darmstadt und in Frankfurt hat die Situation ganz anders ausgesehen und war "extremer", als auf dem Land. Auch das große Unwissen der Bevölkerung über die Judenvernichtung ist für mich unbegreiflich. (Max)

 

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